Am 26. März dieses Jahres fand erneut die Konferenz des Bündnis Bildung für eine demokratische Gesellschaft statt. Sie stand unter dem Titel „Wie politisch muss die Bildung sein?!“ und zog zu unserer großen Freue eine Vielzahl von interessierten und motivierten Teilnehmenden an. Die Teilnehmenden kamen aus Theorie und Praxis und generierten gemeinsam einen fruchtbaren Austausch, für den wir an dieser Stelle ganz herzlich danken wollen. 

Partner*innen-Plenum

Partner*innen-Plenum © Janika Stolt

Begonnen hat der Tag mit unserem Partner*innen-Plenum. Hier sind Mitglieder des Bündnisses zusammengekommen es haben sich aber auch drei neue Anwärterorganisationen vorgestellt. Ergebnis des Plenums war es, dass aus dem Bündnis heraus die Initiative für einen Stellungnahme entsteht zu den Kürzungen und dem Umbau des Demokratie leben!-Programms ab 2027. 

Diskussionsinputs

Der öffentliche Teil der Veranstaltung begann mit einigen Inputs unserer wundervollen Gäste für die folgende Fishbowl-Diskussion, die uns in vier verschiedene Perspektiven eingeführt haben. 

Nathalie Bock (John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie (JoDiDD)) hat den Auftakt gemacht und uns die wissenschaftliche Perspektive auf das Thema nähergebracht. Sie verweist in ihrem Kurz-Impuls zu dem auf eine Studie von Kollegen aus dem Institut zur außerschulischen politischen Bildung. Sie eröffnet Lern- und Erfahrungsräume jenseits curricularer Vorgaben – und steht gleichzeitig unter hohem Erwartungs- und Legitimationsdruck: Bildner:innen sollen demokratische Werte stärken, Konflikte moderieren, Teilhabe fördern und mit Polarisierung sowie antidemokratischen Einstellungen umgehen. Vor diesem Hintergrund fragt die Studie danach, wie politische Bildner:innen selbst ihre Professionalität, Rolle und Anforderungen deuten – und welche Professionalisierungsbedarfe daraus folgen.  

Susann Persiel (stellvertretende Schulleitung Schulzentrum „Am Friedensplatz“ Neutrebbin, Brandenburg) hat im Anschluss aus der Praxis berichtet. Hier wurden Themen angesprochen wie wachsende Herausforderung mit rechter Schüler*innen- und Elternschaft umzugehen und die Codes zu lernen, die in diesen Kreisen primär verbreitet sind. Ebenso wird auf die Problematik der zunehmenden Sozialisierung im Internet hingewiesen, besonders in ländlichen Gegenden, in denen alternative Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche zunehmend unzugänglicher wird. Es wurde jedoch nicht nur auf Hürden hingewiesen. Persiel verwies auf die Erfolge, die durch intensive Arbeit mit Schüler*innen erzielt werden konnten, die im Nachgang dessen eigene radikale Ideen einordnen konnten. Sie regte außerdem dazu an als Lehrkraft Position zu beziehen, gegen Diskriminierung und gegen radikale Positionen. 

 

Dr. Jan Hofmann (Staatssekretär im Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt a.D.) bot mehr Einblick in das Politische. Er übte Kritik an der Brandenburger Regierung, deren Politik er als Reaktion auf ein echtes Problem beschrieb. Im Anschluss positionierte er sich klar für politische Bildung in den Schulen. Dort entstünde die kritische Infrastruktur der Demokratie, die unbedingt aufrechterhalten und gefördert werden müsse. Dabei betonte er, dass Bildung ohnehin eine politische Komponente in sich trage, ob diese nun beabsichtigt wird oder nicht und dass es sich bei Neutralität nicht um ein pädagogisches Prinzip handle. Sein abschließender Appell thematisierte die politische Bildung im digitalen Zeitalter, die dringend Wege finden muss relevant zu bleiben und weiterhin ihr Publikum zu erreichen.  

Abschließende Worte hatte Timo Reinfrank (Geschäftsführer Amadeu-Antonio-Stiftung), der aus der Perspektive der gemeinnützigen Organisationen sprach. Sein zentraler Punkt war die Betonung, dass Bildung widerstandsfähig sein muss. Vermehrt ging es auch um die bevorstehenden Änderungen im Projekt Demokratie leben!, dessen Umstrukturierung in diesem Zusammenhang kritisiert wurde. Reinfrank merkte an, dass die die Kritik an der Wirkung der Einzelprojekte gefallen sei, ohne sich intensiver mit Evaluationsergebnissen auseinanderzusetzen und kritisierte, dass Projekte im neuen Förderkonzept nicht die Möglichkeit hätten langfristige Wirkung zu entfalten. Statt einer Verbesserung des Förderprojekts handle es sich um Beugung nach rechts und eine Schwächung der Demokratieförderung in Deutschland. 

Fishbowl-Diskussion

Damit wurde in die Fishbowl-Diskussion übergeleitet, die ganz klar unter dem Vorhaben stand, aktiv zu bleiben und nicht in Hoffnungslosigkeit zu verfallen. 

Im Rahmen der Diskussion wurden eine weite Reihe von Punkten hervorgebracht: 

  • Es wurde die Frage thematisiert, wie man in Zukunft politische Bildung aufstellt, besonders vor dem Hintergrund der Kritik, dass die bisherigen Projekte sich nicht ausreichend an die politische Mitte wenden. Dabei wurde klar hervorgehoben, dass eine Kommunikation in alle Richtungen wichtig ist, dieser Dialog jedoch auch normative Grenzen benötigt. Es stellt sich hier die Frage bis zu welchem Punkt ein Austausch divers ist und wann man Grenzen ziehen muss.  
  • Kinderstimmen müssen gehört werden. Die Teilnehmenden wurden angehalten in ihre Veranstaltungen und Gespräche die Stimmen von Kindern und Jugendlichen einzubeziehen. Da geht es zum einen um direkte Teilnahme, aber auch um Zitate und Vorabbefragungen, die Kindern die Möglichkeit geben auf Konversationen Einfluss zu nehmen, die sie betreffen. 
  • Schutz der Bildungsmachenden. Bildungsmachende müssen von der Politik geschützt werden. Sie sind als Einzelpersonen rechten Netzwerken ausgeliefert. Die Regierung muss hier einen Weg finden sie vor Gewalt und Belästigung zu bewahren. 
  • Es wurde auch hinterfragt, weshalb sich Kinder und Jugendliche sich zu potentiell antidemokratischen Gruppierungen wie der AfD hingezogen fühlen. Als Argument würde häufig die Erreichbarkeit der Mitglieder genannt, aber auch der Fakt, dass die AfD den Gerechtigkeitssinn junger Menschen anspräche. In diesem Zusammenhang wurde außerdem auf die Studie Wer sind die Neuen? Warum junge Menschen bei der Bundestagswahl 2025 erstmalig AfD gewählt haben verwiesen. 

Viele Themenpunkte nehmen jedoch immer wieder auch Bezug auf die aktuellen Entwicklungen im Demokratie leben!-Programm. 

Eine allgemeinere Forderung kann man aber als appellartiges Schlusslicht hervorheben:
Es braucht einen Schulterschluss und Solidarität unter den Institutionen, die sich für politische Bildung einsetzen. Gemeinsam können wir eine bessere Wirkkraft entfalten. 

Barcamps 

Im zweiten Teil der BKON nahmen die teilnehmenden Eindrücke aus der Fishbowl oder auch eigene Austausch-Bedarfe mit und boten dazu Barcamps an.

Netzwerk zur Demokratieförderung

Eines unserer Barcamps setzte sich mit einem potentiellen Netzwerk zur Demokratieförderung auseinander. 

Der Grundgedanke hierbei war, dass ein Zusammenschluss zur Stärkung der Demokratiearbeit notwendig sei. Das Ziel sei es Netzwerke im europäischen Raum zu bilden und zu stärken, wobei auf bestehende Erfahrungswerte zurückgegriffen werden soll, ohne sich vor neuen zu verschließen. Nur so wäre ein Austausch von Expertisen möglich. Als Basis dieser Netzwerke wurden neben Vertrauen auch gemeinsame Leitlinien und Werte genannt. In dem Zusammenhang kam auch das Problem der finanziellen Konkurrenz auf. Ein Netzwerk müsse Unterstützung bieten um diese Konkurrenz zu navigieren.  

Dennoch seien die politischen Netzwerke ein bedeutender Schritt, für den man einstehen solle. 

Wie kann eine Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Verwaltung gelingen?

Im Barcamp “Wie kann eine Zusammenarbeit von Zivilgesellschaft und Verwaltung gelingen?” wurde sich besonders auf positive und negative Erfahrungen in dem Zusammenhang und anschließende Ansätze und Ideen fokussiert.  

Positive Erfahrungen umfassten die Verwaltung als Initiatorin von Projekten wie den Jugend-Kreislauf Teltow-Fläming oder das Amka Frankfurt. Es wurde aber auch auf den Wert von Ideen und Perspektiven der Verwaltung verwiesen, das grundsätzliche Bewusstsein für Problemlagen auch innerhalb der Verwaltungsstrukturen und die Verlässlichkeit und Beständigkeit von Verwaltungen im Vergleich zu unabhängigen Trägern. Auch wurden die engagierten Einzelpersonen hervorgehoben, die solche Entwicklungen in der Verwaltung vornehmlich tragen. 

Als negative Erfahrungen kamen unter anderem die vermehrten Angriffe der AfD am Beispiel der diskriminierungskritischen Polizeiarbeit, aber auch die sehr kleinkarierte Arbeitsweise, die pädagogische Arbeit unter Umständen aufhalten kann. Außerdem kam die Sorge auf als externer Dienstleister “Opfer” interner Streitigkeiten und Machtfragen zu werden. 

Als abschließende Wünsche wurden dann der Erfahrungsaustausch und die Weitergabe von Informationen zwischen Zivilgesellschaft und Verwaltung gewünscht und die Notwendigkeit der Anerkennung der (Arbeits-)Bedingungen in der Verwaltung angemerkt. 

Betzavta-Miteinander und restorative Praktiken

In diesem Barcamp wurde sowohl das Betzavta, als auch restorative Praktiken eingeführt und die Gemeinsamkeiten und Potentiale dieser beiden machtkritischen methodischen Ansätze besprochen 

Ein AfD Bildungsministerium - wie kann man sich vorbereiten?

Hier wurde diskutiert, wie man sich auf die mögliche Besetzung eines Bildungsministeriums durch die AfD vorbereiten kann. 

Angesprochen wurde unter anderem die Genehmigung von Bildungsmaterialen wieder an ein externes Gremium zu übergeben und der Aufbau von Mitbestimmungsgremien. Man müsste außerdem besser über die Rechte und Pflichten für Lehrkräfte aufklären und diesen so die Angst davor nehmen zu agieren. Als Positivbesispiel wurde hier der Erlass von Sachsen-Anhalt zum Thema Neutralität genannt. Genauso müsste Demokratiebildung explizit und gesetzlich als Aufgabe für Lehrer*innen festgehalten werden, wie es bereits in Mecklenburg-Vorpommern der Fall ist.  Außerdem seien angegliederte Institutionen wie das Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt (LISA) notwendig.